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Rad und Rücken

Gesundheit

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Interview: "Rad & Rücken" mit Detlef Detjen, Direktoriumsmitglied der Aktion Gesunder Rücken

Rückenschmerzen scheinen unvermeidlich zum Radfahren dazuzugehören, wie die Kette zum Fahrrad: Kein Radfahrer, der nicht schon einmal über Rückenschmerzen klagen konnte. Das muss nicht sein, sagt die Aktion Gesunder Rücken e.V., die bereits vor einigen Jahren Fahrräder genauer unter die Lupe genommen hat. Der pressedienst-fahrrad sprach mit Detlef Detjen, Mitglied des Direktoriums der AGR e.V (ww.agr-ev.de), über Ursachen der Rückenschmerzen, gesellschaftliche Zusammenhänge und (individuelle) Lösungsansätze. 

pd-f: Wird das Thema Rückenschmerzen in den Medien dramatisiert?
Detlef Detjen: "Ganz und gar nicht. Rückenschmerzen oder genauer gesagt "Muskel- und Skeletterkrankungen" liegen seit Jahren unangefochten auf Platz Nr. 1 bei den Arbeitsarbeitsausfalltagen. Dahinter stehen Belastungen für die Volkswirtschaft in Milliardenhöhe, mal ganz abgesehen vom Leid der Betroffenen. Folgende Einteilung gilt nach wie vor: ca. 80 % alle Deutschen haben im Laufe ihres Lebens Rückenschmerzen, 30 % chronisch und 50 % hin und wieder einmal."

pd-f: Welche Ursachen hat dieser "gesellschaftlicher Flächenbrand Rückenschmerz" in der Gesellschaft?
Detlef Detjen: "Auslöser für Rückenprobleme sind zumeist sehr vielschichtig, sei es Bewegungsmangel, persönliches Fehlverhalten, muskuläre Defizite, eine falsche Ernährung, psychische Belastungen, ein nicht rückengerechtes Umfeld usw..
Der Mensch sitzt heutzutage wesentlich mehr als noch vor ein paar Jahrzehnten. Ob in der Schule, im Büro oder vor dem Fernseher: Sitzen gilt als Belastung. Bei Rückenproblemen nutzen die Betroffenen u. a. Rückenschulen und/oder Physiotherapie. Dort lernen sie viel über rückengerechtes Verhalten."

pd-f: Welchen Einfluss haben Mobiliar und andere Alltagsgegenstände auf den Rücken? Wie viel wissen die Betroffenen darüber?
Detlef Detjen: "Das ist in der Tat einen wichtiger Aspekt! Testen Sie sich doch einfach einmal selbst: Wissen Sie, worauf man bei der Anschaffung rückengerechter Alltagsprodukte, wie z. B. Büromöbel, Autositze, Betten, Schuhe, Fahrräder, Polstermöbel, Fernsehsessel etc. achten muss? Wissen Sie, wie solche Produkte beschaffen sein sollten? Wissen Sie, welche Höhe sollte ein rückengerechter Schreibtisch haben, welche Einstellungen sind bei einem Bürostuhl wichtig? Wissen Sie was ein rückengerechtes Bett oder ein rückengerechten Fernsehsessel ausmacht? Solche Fragen werden selbst von Herstellern oftmals völlig falsch angegangen und nicht immer befriedigend gelöst. Aber auch medizinische Fachleute können hier nicht immer ausreichende Antworten geben."

pd-f: Was leistet die AGR in diesem Zusammenhang?
Detlef Detjen: "Um in diesem Bereich Aufklärungsarbeit leisten zu können, sammelt die AGR Informationen aus der medizinischen Fachwelt und der industriellen Forschung. Dieses Wissen wird dann gebündelt an Betroffene, Mediziner, Therapeuten und auch die Industrie weitergegeben. Zudem schulen wir Mediziner und Therapeuten und zertifizieren diese zu "Referenten für rückengerechte Verhältnisprävention" - und somit zu Spezialisten rund um das Thema "Alltagsprodukte"."

pd-f: Welche individuellen Ursachen haben Rückenschmerzen?
Detlef Detjen: "Die Ursachen im Detail betrachtet sind individuell und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein Hauptgrund ist Bewegungsmangel: 
Bewegungsmangel ist ein weit verbreitetes Problem. Wir nutzen den Fahrstuhl statt der Treppe, gehen nicht mehr zu Fuß sondern nutzen das Auto, Kinder spielen nicht mehr in jeder freien Minute im Freien, sondern sitzen zu Hause vorm Computer - diese Liste könnte sicher jeder endlos weiterführen. 
Bewegungsmangel schadet nicht nur dem Bewegungsapparat, sondern einer ganzen Reihe von Organen. Die Funktionstüchtigkeit der Wirbelsäule ist speziell von einem ausreichenden Bewegungsangebot abhängig und unsere Muskulatur "lebt" durch Bewegung und Training. Nur eine "fitte" Muskulatur gibt unserer Wirbelsäule den richtigen Halt. 
Die tragenden Elemente, die Wirbelkörper, werden ohne Belastung porös (Osteoporose), die stabilisierenden Bänder schlaff (Instabilität im Bewegungssegment zwischen zwei Wirbelkörpern), die bewegenden Muskeln verkümmern (Muskelinsuffizienz mit mangelnder Stabilität), die Bandscheiben, die von Be- und Entlastung leben "verhungern" und werden brüchig (Bandscheibenvorfall droht), die Wirbelgelenke, die die Wirbel miteinander gelenkig verbinden "rosten", ihre schrumpfenden Gelenkkapseln beginnen zu schmerzen (Spondylarthrose), die Durchblutung der Bausubstanz der Wirbelsäule verschlechtert sich (Schmerz durch Übersäuerung), die Steuerung der Wirbel-Gliederkette durch die Nervengeflechte verebbt ohne regelmäßige und ausreichende Beanspruchung ("Blockierungen", "Funktionskrankheit"). Zu geringe Bewegungsreize lassen sämtliche Bauteile der Wirbelsäule verkümmern, ein angemessenes Bewegungsangebot optimiert die Belastbarkeit der "Säule", ein gezieltes Bewegungstraining beugt nicht nur Rückenschmerzen vor, sondern "heilt" bereits vorhandene Wirbelsäulenstörungen in allen Lebensabschnitten."

pd-f: Im Gegenteil zum Bewegungsmangel gibt es auch zu starke Belastungen für den Rücken. Welche Folgen hat dies für den Rücken?
Detlef Detjen: "Rückenschmerzen als Folge von Fehl- oder Überbelastung sind ebenfalls sehr verbreitet: "Der Kreuzschmerz ist die gesunde Antwort mündiger Bürger auf eine pathologische Leistungsgesellschaft" formulierte der Schmerztherapeut und Sportmediziner Dr. Wolfgang Bartel aus Halberstadt. Sorgen, Belastungen und Anstrengungen des täglichen Lebens sind nur zu verkraften, wenn Menschen durch Freude, Entspannung und Zeit für sich selbst wieder Kraft tanken können.
Leider achten viele Menschen mit funktionellen Beschwerden ihrer Wirbelsäule zu wenig auf diese Botschaft ihres Körpers. Sie haben verlernt, die schmerzhaften Signale des Körpers als einen Hinweis zu verstehen, dass hier Funktionsstörungen bestehen und auf Dauer zum Schaden führen können.
Wenn Rückenschmerzen über Monate und Jahre andauern, in vielen Richtungen ausstrahlen, zur "erdrückenden Kreuzlast" werden, gilt es für den behandelnden Arzt zunächst, Ursachenforschung zu betreiben. Ein Großteil der Schmerzen äußert sich in der Rückenmuskulatur. Die kleinste Störung auch nur eines Teils des Rückengefüges kann das empfindliche Gleichgewicht stören. Ursachen schmerzhafter Muskelverspannungen sind in den meisten Fällen Nerven-Irritationen in den Wirbelgelenken als Folge einer Fehlbelastung oder auch eines bereits bestehenden Schadens.
Schmerzen im Rücken, ob von den Bandscheiben oder den Wirbelgelenken ausgehend, treten oft erstmals bei einer bestimmten "falschen" Bewegung auf. Manchmal kann dies ein zu tiefes Bücken sein, ein anderes Mal vielleicht ein verkehrtes Heben bei gleichzeitiger Drehung.
Zu den Auslösern von expositionsbedingten (=durch äußere Einflüsse verursachte) Rückenschmerzen gehört in erster Linie: 
* Einseitige körperliche Dauerbelastungen wie Stehen und Sitzen
* Ungünstige Körperhaltungen wie Arbeiten mit gebeugtem Rücken und/oder Verdrehung des Oberkörpers
* Häufiges Heben und Tragen schwerer Lasten unter ungünstigen räumlichen und klimatischen Bedingungen 
* Häufiges langandauendes Sitzen, im Büro oder im Fernsehsessel sowie in Fahrzeugen, z. B. im Auto oder in Baufahrzeugen. Sportarten mit häufig vorkommender Lordose und Rotation der Lendenwirbelsäule
* Bewegungsmangel, Stress, nicht ergonomische Sitzmöbel sowie falsche Lebensweise und Ernährung sind darüber hinaus Hauptursachen von Rückenproblemen

Rückenbeschwerden sind daher in der überwiegenden Mehrheit nicht unabänderliches Schicksal, Krankheit oder entzündlich bedingt, sie sind die Folge oft langjähriger Fehlbelastungen des Halte- und Bewegungsapparates im Beruf, in der Freizeit und oft auch beim Sport.
Die Zusammenarbeit zwischen Orthopäden, Arbeitsmedizinern, Psychologen und Rückenschullehrern bietet die Chance, nicht nur in der Vorbeugung sondern auch in der Therapie und der Rehabilitation ein ursachenorientiertes Therapiekonzept erfolgreich umzusetzen."

pd-f: Kein Körper ohne Geist und Seele, welche Rolle spielt die Psyche bei Rückenschmerzen?
Detlef Detjen: "Immer wieder wird vermutet, dass Menschen mit Rückenbeschwerden charakteristische Persönlichkeits- bzw. Verhaltensmerkmale aufweisen, die die Entstehung von Rückenschmerzen begünstigen. Der Zusammenhang von Wirbelsäule und Psyche ist in der deutschen Sprache auch deutlich dokumentiert: "hartnäckig" oder "halsstarrig" sein, "jemanden das Kreuz brechen" bzw. "jemanden den Rücken freihalten" sind nur einige Beispiele. 
Rückenschmerzen stellen ein komplexes psychophysisches Geschehen dar. Zu den häufigsten Ursachen für eher schleichend beginnende Rückenschmerzen zählt eine lang anhaltende Anspannung der Rückenmuskulatur. Sie entsteht entweder durch biomechanische Belastungen, wie z. B. stundenlanges Sitzen in rückenbelastender Haltung oder durch seelische Belastungen ("Stress"). In der modernen Stressforschung hat es sich als sinnvoll erwiesen, beim Begriff des "Stress" zwischen Stressoren, Stressreaktionen und Stressbewältigung (= "Coping") zu unterscheiden. Stressoren sind z. B. Lärm, Zeitdruck, (befürchtetes) Versagen in Leistungssituationen, Streitigkeiten in der Familie oder im Berufsleben. Diese Stressoren wirken aber nicht auf jeden Menschen auf gleiche Weise - es gibt keine Standardstressoren - sondern diese werden je nach individuellen Bewertungsprozessen unterschiedlich erlebt. Unter Stressreaktion versteht man die Verhaltensweisen, mit der eine Person auf einen Stressor reagiert. Die Stressreaktion kann auf der physiologischen Ebene (z. B. erhöhte Anspannung der paraspinalen Muskulatur), auf der kognitiv-emotionalen Ebene (Gefühl der Hilflosigkeit) oder auf der Verhaltensebene (Aggression) wirksam werden. Warum manche Menschen mit erhöhter, schmerzhafter Anspannung der paraspinalen Muskulatur reagieren, ist noch unklar. 
Auch Versuche zur Identifikation einer Rückenschmerzpersönlichkeit waren bislang wenig erfolgreich. In einigen Untersuchungen werden die Verhaltensdispositionen "hoher Leistungsanspruch", "übertriebene Hilfsbereitschaft, ohne selbst Unterstützung annehmen zu können" und "mangelnde Konfliktfähigkeit" als typisch für chronische Rückenschmerzpatienten apostrophiert. Psychosoziale Variablen sind nicht nur für die Entstehung, sondern vor allem auch bei der Aufrechterhaltung bzw. der Chronifizierung und in der Therapie von Rückenschmerzen von hoher Bedeutung."

pd-f: Zurück zum Körper: Gibt es einen Teufelskreis aus Schmerzen, Bewegungsmangel und Fehlverhalten? 
Detlef Detjen: "Der Mensch braucht Bewegung - dafür ist er bestimmt. So ist verständlich, dass Probleme entstehen, wenn dieser Organismus nicht benutzerdefiniert verwendet wird. Es geht hierbei um die Gesundheit im Allgemeinen - nicht ausschließlich um Rückenschmerzen. Das Symptom Schmerz ist es, das uns vermitteln kann, dass wir uns außerhalb des grünen Bereichs bewegen. Und somit spüren wir, dass unsere Gesundheit gefährdet ist. Diesem Phänomen vorzubeugen, liegt die Idee durch Umsetzung im Bereich der Körperwahrnehmung. 
Unseren Rücken spüren wir, wenn Rückenschmerzen uns plagen. Aber im Grunde genommen plagen sie uns nicht, sondern wollen auf einen Missstand aufmerksam machen. Denn der Schmerz ist ein Symptom mit einem dahinterstehenden Syndrom - er ist Ausdruck einer Kettenreaktion. Der Rücken ist meist nur das Folgeorgan verschachtelter Prozesse im Körper. Dies gilt es für sich zu erkennen und positiv zu beeinflussen. Jeder kann Möglichkeiten erhalten, disharmonische Muster in seinem Körper zu erkennen und darauf regulierend einzuwirken. Die Basis für dieses Handeln ist die Entwicklung der Rezeptoren.
Gesundheit sollte unter dem Aspekt der Veranlagung und des psychologischen Musters gesehen werden. Das ist die Basis. Jeder hat von Geburt eine genetische Bestimmung erhalten und entwickelt über die Jahre ein psychosoziales Muster. Die daraus resultierenden Bewegungsmuster stehen in Verbindung mit dem Körperbewusstsein, wozu auch die Ernährungsweise gehört. So beeinflussen (falsche) Ernährung und Körper (Über-)gewicht den gesamten Bewegungsapparat des Menschen und statische Belastung von Wirbelsäule und Gelenken."

pd-f: Spielt das direkte persönliche Umfeld auch eine Rolle? Und wenn, welche?
Detlef Detjen: "Um angelerntes, rückenfreundliches Verhalten und körpergerechte Bewegungsabläufe im Alltagsleben anzuwenden (sog. Verhaltensprävention) ist es dringend erforderlich, dass auch die benutzten Produkte bzw. Gegenstände in den Lebensbereichen Wohn-, Arbeits- und Freizeitumfeld ein solches zulassen und fördern. Man spricht hierbei von einer Verhältnisprävention, was heißt, dass eben die Alltagsprodukte den medizinischen Anforderungen an eine rückengerechte Verhaltensweise angepasst werden und diese ermöglichen müssen.
Rückengerechte Produkte dienen sowohl der Vorbeugung von Rücken- und Haltungsschäden (Prävention) wie auch bei Patienten mit Rückenbeschwerden als therapiebegleitende Maßnahme. Somit sollte jeder sein persönliches Umfeld möglichst rückengerecht gestalten.
Die Aktion Gesunder Rücken e. V. hat deshalb in Zusammenarbeit mit medizinisch wissenschaftlichen Fachleuten das AGR-Gütesiegel für rückengerechte Produkte ins Leben gerufen."

pd-f: Warum ist bei Rückenproblemen eine ganzheitliche Sichtweise des Alltags notwendig?
Detlef Detjen: "Das liegt in der Natur der Sache. Die Ursachen sind, wie beschrieben sehr vielschichtig. Also müssen wir bei der Ursachenforschung möglichst ganzheitlich handeln. Ansonsten therapieren wir nur einen Teilbereich, der Kern des Übels bleibt möglicherweise aber unentdeckt und führt nach kurzer Zeit zu erneuten Problemen. 

pd-f: Wie lassen sich Rückenschmerzen bei Kindern vermeiden?
Detlef Detjen: "Eine wichtige Frage, denn um die Gesundheit unserer Kinder müssen wir uns ernste Sorgen machen. Warum? Weil im Alter von etwa sechs Jahren jedes dritte Kind bereits gesundheitsauffällig ist. Das haben jüngste Reihenuntersuchungen vor der Einschulung ergeben: Ein Drittel der ABC-Schützen leiden unter Muskel- und Haltungsschwächen, Wahrnehmungs- und Koordinationsstörungen, Übergewicht oder emotional-sozialen Störungen.
Der Grund ist oft ganz simpel: Bewegungsmangel - früher ein unbekanntes Problem, heute eine Zeitkrankheit. Noch vor 30 Jahren waren Bewegung, Herumtollen im Freien oder das Austesten der eigenen körperlichen Fähigkeiten eine Selbstverständlichkeit für Kinder. Heute beeinträchtigt die Erwachsenenwelt die Entwicklung unserer Kinder:
Sie finden immer weniger Spiel- und Bewegungsräume, in denen sie ihre Bedürfnisse spontan und gefahrlos ausleben dürfen. Sie hocken - nahezu bewegungslos - vor Spielkonsolen, Computern oder Fernsehgeräten. Sie spielen in zunehmendem Maße allein, ohne Partner. Sie werden durch Überbehütung manch Erwachsener in ihrem spontanen Spiel- und Bewegungstrieb eingeschränkt.
Also muss die Förderung der Gesundheit, die Entwicklung im Ganzen, bereits im Vorschulalter durch gezielte Maßnahmen unterstützt werden - nicht zuletzt auch zur Vermeidung späterer Haltungs- und Gelenkschäden und zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens."

pd-f: Zu den Erwachsenen: Welche Gründe haben Rückenschmerzen hier?
Detlef Detjen: "Wie gesagt, die Ursachen sind vielschichtig. Oftmals führen jahrelange Fehlbelastungen, Stress, Bewegungsmangel, falsche Ernährung, ein rückenfeindliches Umfeld usw. zu Rückenproblemen. 
Apropos rückengerechtes Umfeld: Wie erkenne ich ein rückengerechtes Produkt? In Zeiten in denen der Verbraucher beim Bettenkauf zwischen 50 verschiedenen Matratzen wählen kann, steht so mancher ratlos im Geschäft. Diverse Produkthinweise wie z. B. "orthopädisch", "ergonomisch" etc. sind oftmals nur Täuschung und stiften zusätzliche Verwirrung. Um den Verbraucher sicher durch den "Produktdschungel" zu lotsen, gibt es inzwischen für fast alle Bereiche so genannte Güte- und Prüfsiegel. Diese versprechen dem Käufer eine besonders hohe Qualität des Produkts oder sollen beispielsweise eine schadstofffreie Herstellung des Produkts garantieren und die Kaufentscheidung erleichtern. 
ÖKO-TEST hat zahlreiche Gütesiegel auf ihre Richtlinien hin überprüft und ist dabei zum Teil zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: So sind einige Siegel schlicht und einfach Herstellerhinweise, die weder einer unabhängigen "Prüfung" unterzogen werden noch ein Qualitätsmerkmal darstellen.
Mit dem Gesamturteil "sehr gut" wurde das Gütesiegel "AGR Geprüft & empfohlen" der Aktion Gesunder Rücken e.V. bewertet. Ausgezeichnet werden ausschließlich Produkte, die ihre rückengerechte Konstruktion vor einem unabhängigen Prüfungskomitee mit Experten aus Medizin und Wissenschaft unter Beweis gestellt haben. Das AGR-Gütesiegel dient deshalb Verbrauchern beim Kauf von ergonomischen Alltagshilfen, wie beispielsweise Büromöbel, Autositzen, Betten, Polstermöbeln, Schuhen, Fahrrädern etc. als seriöse Orientierungshilfe."

pd-f: Was kann der Einzelne tun, wenn er Rückenschmerzen hat?
Detlef Detjen: "Er kann sich Rat suchen. Es sollte zunächst eine gründliche ärztliche Untersuchung stattfinden. Danach helfen oftmals Physiotherapeuten oder andere Bewegungsfachkräfte. Wichtig ist, dass der Schmerz, welcher die natürliche Beweglichkeit einschränkt möglichst schnell abgestellt wird. Nicht Schonung und Bettruhe, sondern eine schnelle Rückkehr in den Alltag sind ratsam. Außerdem gibt es inzwischen viele gute Programme zur Behebung und zur Vermeidung von Rückenschmerzen (u.a. Rückenschulen). Rat zur rückengerechten Alltagsgestaltung findet man inzwischen bundesweit bei geschulten Ärzten und Bewegungsfachkräften - Übersicht unter www.agr-ev.de/de/aerzte-a-therapeuten/zertifizierte-aerzte-und-therapeuten ."

pd-f: Was kann man präventiv gegen Rückenschmerzen tun?
Detlef Detjen: "Ganz wichtige Punkte sind die regelmäßige, ausreichende Bewegung, eine gesunde Ernährung, sowie eine gute psychische und soziale Situation. Die täglichen Bewegungsabläufe sollten unter dem Stichwort "rückengerecht" überprüft werden (gute Hilfe leistet hier eine Rückenschule). Eine besondere Bedeutung hat natürlich der Arbeitsplatz. Ist er rückengerecht gestaltet? Kommt es zu einseitigen und Fehlbelastungen, lassen sich z. B. im Büro die Abläufe dynamischer gestalten (telefonieren im Stehen, Treppe statt Fahrstuhl, persönlicher Kontakt statt E-Mail, Drucker auf dem Flur statt in Greifnähe ...)? Ganz wichtig: Sind die täglich benutzten Alltagsprodukte ( Fahrrad, Autositz, Bett, Bürostuhl) rückengerecht oder sind sie eventuell ungeeignet? Im letzteren Fall sollten Sie etwas unternehmen."

pd-f: Radfahren und Rücken sind nicht zwingend ein Traumpaar. Woran erkenne ich ein rückenfreundliches Rad?
Detlef Detjen: "Ein rückenfreundliches Fahrrad verfügt über eine gute Vollfederung, einen tiefen Einstieg, ein niedriges Gewicht und es lässt sich so einstellen, dass der Fahrer eine entspannte aufrechte Haltung einnehmen kann."

pd-f: Wie wichtig ist das Gewicht?
Detlef Detjen: "Das Gewicht ist vor allem dann entscheidend, wenn das Fahrrad getragen oder gehoben werden muss, z. B. in oder aus dem Keller, auf den Fahrradträger des Autos etc. Zudem verringert ein geringes Gewicht i.d.R. den Kraftaufwand beim Fahren."

pd-f: Welche Rolle spielt ein niedriger Einstieg?
Detlef Detjen: "Wer jung ist und zudem keine Rückenprobleme, der kann sich auch mit einen Schwung auf den Sattel wuchten. Er benötigt keinen tiefen Einstieg, obwohl er diesen in der Stadt sicher auch zu schätzen weiß. Für Senioren oder Menschen mit Rückenschmerzen ist der tiefe Einstieg eine große Hilfe und somit sehr wichtig. Er ist hier auch ein Sicherheitsaspekt."

pd-f: Wie wichtig ist die Federung?
Detlef Detjen: "Die Vollfederung spielt eine besondere Rolle: Durch reduzierte Vibrationen am Fahrrad wird der Körper um bis zu 35 % weniger belastet, Rücken und Gelenke werden geschont. Ein zusätzliches Plus: Für die Vollfederung spricht neben dem Komfort auch die Sicherheit. Denn durch die Vollfederung verbessern sich die Straßenlage und der Bodenkontakt des Fahrrades. Das ist besonders an Bürgersteigkanten, auf Kopfsteinpflaster und Feldwegen wichtig. Achten sollte man auch auf den richtigen Luftdruck. Ein prall gefüllter Reifen rollt leichter, hält länger und bietet eine bessere Fahrdynamik. Darum sollte der Luftdruck am besten einmal im Monat überprüft werden. Achtung: Die Überprüfung per Daumendruck ist sehr unzuverlässig, besser geeignet ist die Messung mit Hilfe eines digitalen Luftdruckmessers. Angst vor geringem Komfort durch hohen Luftdruck müssen Fahrer vollgefederter Räder nicht haben!"

pd-f: Vollfederung oder Komfortfederung [Federgabel & Sattelstütze], Welches System ist besser & warum?
Detlef Detjen: "Beide vermindern Stöße und Schläge aufgrund von Fahrbahn-Unebenheiten und sind daher positiv zu bewerten. Die Deutsche Sporthochschule in Köln hat sich mit den Auswirkungen von Federungen auf die Wirbelsäule beschäftigt und festgestellt, dass bei vollgefederten Fahrrädern die Stöße um 35 % gemindert werden, bei Sattelstützen immerhin noch um rund 25 %. Ein vollgefedertes Fahrrad hat eine Gabel- und eine Heckfederung, was den gesamten Halteapparat des Radfahrers schont; auch die Fahrsicherheit wird hierdurch verbessert und die Nutzungsdauer des Rades verlängert. Eine "Alternative" zur Vollfederung (bei einem bereits vorhandenem Fahrrad) bietet eine nachrüstbare Sattelstütze. Diese hat jedoch den Nachteil, dass sie nur im Bereich des Sitzes wirkt, aber optimalen Schutz der Wirbelsäule braucht andere "Stossdämpfung" vorne."

pd-f: Neben dem Prinzip ist auch die Einstellung wichtig? Wie stelle ich die Federung richtig ein?
Detlef Detjen: "Bei der Vollfederung sind Mindestfederwege zu berücksichtigen: vorne 4 cm und hinten 6 cm. Zudem sollte die Vollfederung auf das Körpergewicht eingestellt werden, das heißt, sie muss sensibel ansprechen, darf aber nicht direkt durchschlagen. Etwa 25 Prozent des Federweges sollten beim schlichten Sitzen bereits genutzt werde."

pd-f: Neben der Milderung von Bodenschlägen ist auch die Fahrposition entscheidend: Welche Körperhaltung auf dem Rad empfiehlt die AGR?
Detlef Detjen: "Ganz klar: die aufrechte, rückengerechte Sitzposition. Diese entspricht der natürlichen Doppel-S-Form der Wirbelsäule. Wichtig ist dabei auch, dass die Arme und Hände von der Stützlast befreit sind und entspannt am Lenker positioniert werden (u.a. leicht angewinkelter Ellenbogen. Eine leicht nach vorne geneigte Sitzhaltung (unter 30 Grad) ist akzeptabel, sofern der Radfahrer dadurch keine Beschwerden in der Halswirbelsäule bekommt."

pd-f: Herr Detjen, herzlichen Dank für das Interview!

Quelle: www.pd-f.de 

Zur Person: Detlef Detjen, 42 Jahre jung, ist als Gründungsmitglied seit 1995 im Direktorium der AGR. Zuvor war er im Bereich Kommunikation, Schulungswesen und Produktmanagement für Gesundheitsprodukte tätig. Er ist begeisterter Radfahrer und fährt seit fünf Jahren ein AGR geprüftes Fahrrad "Culture" der Marke von riese und müller.

Zur Aktion Gesunder Rücken e.V.:
Informationen über Rückenleiden zusammenführen, aufklären und vorbeugen helfen - das sind die zentralen Ziele der 1995 gegründeten Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V., Selsingen. Der Verein arbeitet dabei nicht nur eng mit Fachverbänden aus der Medizin zusammen, sondern fördert auch den Informationsaustausch zwischen Medizinern und Industrie zum Thema rückengerechte Produkte. Das Wissen über die Ursachen von Rückenleiden bzw. Lösungsansätze gibt die AGR an Verbraucher weiter - in Form von Empfehlungen und Tipps, sowie einem Gütesiegel für Produkte, die den Menschen rückengerecht durch den Alltag begleiten. 
Info: www.agr-ev.de


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